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Vielleicht doch ein Stromhalsband…?

Warum die andere Methode oft verlockend aussieht...

Es gibt diesen einen Abend. Du kommst nach Hause, der Spaziergang war eine Katastrophe, dein Hund ist wieder Vollgas in die Schleppleine gedonnert, deine Schulter schmerzt, du stehst in der Küche und denkst: Vielleicht mache ich das alles falsch…
Und dann kommt noch ein Gedanke. Manchmal ganz leise.
Vielleicht bräuchte ich doch ein Stromhalsband…

Vielleicht muss man bei Jagdverhalten doch einfach härter sein. Vielleicht braucht mein Hund das doch, wie der Jäger den wir neulich getroffen haben gesagt hat…
Bei anderen klappt es doch auch.

Diesen Moment kennen einige meiner Kund:innen. Und die meisten schämen sich ein bisschen dafür, dass er schon mal da war. Dabei ist an dem Gedanken nichts Verwerfliches. Am Ende folgt so eine Überlegung einem Muster, das man kennen sollte, weil man danach anders damit umgeht:

Ich schreibe hier keinen Methodenvergleich. Ich möchte genau über diesen Moment schreiben. Über das, was da gedanklich passiert und über das, was psychologisch dahintersteckt.
Das sind zwei verschiedene Dinge, und genau deswegen lohnt es sich neben den ganzen Methodendiskussionen auch mal da hinzuschauen.

Ich möchte aber vorher schon meine Perspektive teilen, damit du weißt aus welcher Sicht der Artikel geschrieben ist, wenn du mich noch nicht kennst.  Ich arbeite mit positiver Verstärkung und plane mein Training so dass ich dass mein Hund möglichst gar nicht erst in Situationen kommt, in denen ihm nur noch das Hinterherrennen einfällt. Ich gestalte akribisch  die Bedingungen und baue kleinschrittig auf, was ich haben will, statt darauf zu warten, dass etwas schiefgeht und dann einzugreifen. 
Starkzwang und Balanced Training befürworte ich nicht. Und das Stromhalsband schon gar nicht, das ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz übrigens auch verboten.


Das Denkmuster

Die Annahme, um die es geht, heißt Nirwana-Fehlschluss.
Ein Fehler in der Argumentation. Er stammt aus der Ökonomie, Harold Demsetz hat ihn 1969 beschrieben. Es geht dabei nicht um ein psychologisches Phänomen, das jemand im Labor gemessen hat, sondern um ein Denkmuster.
Demsetz kritisierte damals Kolleg:innen, die den realen Markt mit einem gedachten idealen Staat verglichen. Der reale Markt lag offen da, mit allen Schwächen. Der Staat war eine Vorstellung. Und aus diesem schiefen Vergleich zogen sie dann Schlüsse. Was er stattdessen wollte, war ein Vergleich zwischen Optionen, die beide real sind, mit ihren jeweiligen Kosten und Grenzen.

Und genau das ist der Punkt, an dem es für uns interessant wird.

Denn du kennst dein Training in allen Details. Du analysierst es, was an sich super ist. Du weißt, wann dein Timing daneben war. Du weißt, an welchem Tag du zu spät reagiert hast, weil du am Handy warst. Du kennst die Woche, in der du keine Kraft hattest und einfach nur genervt warst statt zu trainieren. Dein Weg liegt vollständig offen vor dir, mit all den Schwächen.

Und dagegen stellst du etwas, das du nie gemacht hast. Das Konzept ist in deinem Kopf ohne Schwierigkeiten und Details. Nicht weil es keine hat, sondern weil du sie warscheinlich noch nicht kennst. In deinem Kopf funktioniert die Trainingsmethode. In deinem Kopf hast du das perfekte Timing. In deinem Kopf hört dein Hund auf und kommt zurück, und dann ist gut.
Du vergleichst also deine gelebte Realität mit einer Vorstellung. Und Vorstellungen gewinnen so einen Vergleich fast immer.


Was du über die andere Seite eigentlich weißt

Meistens gar nicht so viel (das ist ja im Fall des tierschutzrelevanten Ansatz wie dem Stromhalsband auch gut). Aber das ist der Kern.

Was du kennst, sind Erzählungen. Jemand aus der Hundeschule, jemand im Wald, jemand im Verein. Ein Jäger. Und in Erzählungen kommen Rückschläge oft nicht vor. Wer vom Erfolg erzählt, erzählt vom Moment, in dem der Hund stehen geblieben ist. Das ist die Geschichte, die sich erzählen lässt…
Was nicht erzählt wird: dass der Hund ein halbes Jahr später am Waldrand Meideverhalten zeigt. Dass er beim Anblick des Menschen erst mal abwartet. Dass die Erregung sich auf andere Reize übertragen hat und jetzt Jogger das Thema sind. Aber weil solche Effekte zeitversetzt auftreten wird die Verbindung viel zu selten gezogen.

Du bewertest also eine Methode anhand ihres besten Tages, erzählt von jemandem, der einen anderen Hund hat, in einer anderen Umgebung, mit anderen Voraussetzungen.
Und noch etwas kommt dazu, das ich fast wichtiger finde.
Wenn dein Training gerade an deinem Timing hakt, an deiner Konsequenz, an deiner Aufmerksamkeit im entscheidenden Moment, dann steckt in dem Gedanken an die andere Methode eine stille Annahme: dass du mit dem anderen Werkzeug plötzlich präziser wärst.
Leider wird man das nicht, Schwächen wandern mit. Und bei aversiv ausgerichtetem Arbeiten sind die Anforderungen an Timing und Dosierung noch höher als beim Belohnen. Wenn du eine Belohnung verpasst, geht ein Lernmoment verloren. Wenn du beim Stromhalsband danebenliegst, konditionierst du deinen Hund unter Umständen auf etwas völlig anderes als das, was du gemeint hast.

 

Und jetzt die psychologische Seite

Bis hierhin haben wir über eine Denkform gesprochen. Jetzt wird es eher psychologisch.
Denn die Frage ist ja: Warum geraten Menschen so häufig in genau diesen Denkfehler, obwohl er ja ziemlich offensichtlich ist?

Da passiert einiges gleichzeitig.
Erinnerst du dich an einen Moment, in dem du vielleicht auch aus Verzweiflung oder in einem Notfall, mal richtig durchgegriffen hast und dein Hund tatsächlich innegehalten hat? An das Gefühl danach? Vielleicht ein kurzes Aufatmen, dieses „gerade nochmal gut gegangen“?

Dieses Gefühl ist eine Belohnung. Also nicht für deinen Hund, sondern für dich. Dein Stress ist in dem Moment abgefallen, und alles, was Stress sofort beendet, ist belohnend und führt dazu dass unser Verhalten häufiger auftritt. Das ist negative Verstärkung, und sie funktioniert bei uns Menschen genauso wie bei unseren Hunden. Und es war in dem Moment belohnend, unabhängig davon, ob das, was du getan hast, langfristig irgendetwas gebracht hat.
Das heißt: Dein Nervensystem sammelt Erfahrungen darüber, was Erleichterung bringt. Und schnelle Erleichterung bringen eher Maßnahmen, die sofort etwas unterbrechen, als ein Trainingsaufbau, der über Monate läuft.
Dazu kommt, was passiert, wenn dein Hund wieder und wieder in die Leine rennt oder sogar abhaut, obwohl du trainiert hast. Dein Unterbewusstes hört irgendwann auf zu glauben, dass die eigene Handlung noch einen Unterschied macht. Und wer nicht mehr daran glaubt, trainiert anders. Weniger genau. Weniger neugierig darauf, was noch ginge. Damit bestätigt sich das Ganze dann selbst.

Und in diesem Zustand kommt dann ein Gedanke an die andere Methode.
Nicht indem man rational abwägt, sondern quasi als Versprechen, dass dieser Zustand endlich aufhört.

Am Ende ist das der Grund, warum der Vergleich so hinkt. Menschen verlieren unter Druck die Kapazität überhaupt sauber zu vergleichen. Wenn du verzweifelt bist, stellst du dir nicht die Frage, ob die Alternative vielleicht auch ihre Herausforderungen oder Tücken hat. Du willst einfach nur, dass der Stress aufhört und dass das Training endlich mal klappt.

Ich kenne das übrigens nicht nur aus der Beratung. Ich war Hundehalterin, bevor ich Trainerin wurde, mit einem Weimaraner, und in der Hundeschule wurden mir damals ganz selbstverständlich aversive Methoden beigebracht. Been there, done that…. Leider


Beim Jagdverhalten kommt noch was dazu

Die oben bereits angesprochenen  Mechanismen kommen im gesamten Hundetraining vor, aber es gibt Gründe, warum sie beim Training am unerwünschten Jagdverhalten so viel häufiger vorkommen als zum Beispiel bei der Leinenführigkeit.
Jagdverhalten arbeitet gegen ein Motivationssystem, das bei einem entsprechend selektierten Hund enorm leicht anspringt. Das Losziehen selbst ist schon belohnend, jedes Glied der Verhaltenskette hat für deinen Hund seinen eigenen Wert, und die Auslöser liefert die Umwelt bei jedem Spaziergang und sie sind schwer zu kontrollieren. Erste emotionale Reaktionen bleiben oft noch stabil auch wenn sich der Rest schon verbessert hat.
Fortschritt ist hier deshalb oft langsamer sichtbar als in anderen Bereichen. Und dann sieht es länger nach Stillstand aus, obwohl gar nichts falsch läuft.
Und je zäher sich ein Weg anfühlt, desto verlockender sieht der andere aus.
Dazu kommt eine Überzeugung, die viele schon mitbringen, bevor der eigene Hund das erste Mal auf Wild reagiert hat. Jagdverhalten gilt als das hartnäckigste Thema überhaupt (Spoiler: Ist oft gar nicht so… ;)). Wer das übernimmt, ohne genauer hinzuschauen, glaubt schnell, dass mit normalen Mitteln da nichts zu machen ist. Und dann kommen noch so Sätze von außen dazu wie, da muss man mit dem Teletakt ran. Bei so einem Hund geht es nicht ohne Härte. Das musst du sofort in den Griff bekommen…
Diese Sätze sind ja meist gut gemeint, von Menschen, die einfach keine anderen Wege kennen. Aber sie machen aus deinem eigenen Gedanken etwas, das dir als Wirklichkeit gespiegelt wird. Und das ist der Unterschied. Einen eigenen Gedanken kann man bei sich bemerken. Etwas, das die halbe Umgebung bestätigt, bemerkt man nicht mehr als Gedanken.

 

Manchmal liegt es überhaupt nicht an der Methode

Und jetzt kommt ein Punkt, der mir wichtig ist, weil ich nicht möchte, dass dieser Artikel gelesen wird als „einfach weitermachen und durchhalten“.
Wenn dein Training stockt, kann das eine ganze Reihe von Gründen haben, die mit der Methode nichts zu tun haben.
Es kann an den Lebens- und Haltungsbedingungen liegen. Das ist häufig bei hochspezialisierten Jagdhunden aus dem Tierschutz ein großes Thema, denn die Haltung solcher Hunde ist anspruchsvoll. Dazu kommt, dass ein Hund, dessen Bedürfnisse dauerhaft eingeschränkt sind, mit einem höheren Grunderregungsniveau in jede Situation geht. Er nimmt dann deine Belohnungen schlechter an, deine aufgebauten Signale verlieren an Relevanz, und dann sieht es aus, als würde nichts richtig funktionieren. Dabei wirkt es nur unter diesen Bedingungen nicht.
Es kann an der Ausführung liegen. Ein Rückruf, der zu früh in zu schweren Situationen abgefragt wird. Belohnungen, die nicht richtig aufgebaut wurden. Ein Trainingsaufbau, in dem Schritte übersprungen wurden.
Es kann an unrealistischen Erwartungen an den Zeitraum liegen. Ich sehe oft, dass nach drei Monaten Bilanz gezogen wird bei einem Hund, der vier Jahre lang üben durfte, wie cool Hasen hetzen ist.
Und es kann körperliche Ursachen haben. Schmerzen im Bewegungsapparat, hormonelle Themen, neurologische Störungen können übersteigertes Jagdverhalten erzeugen. Deshalb gehört eine tierärztliche Abklärung an den Anfang, am besten mit verhaltensmedizinischem Schwerpunkt.
Erst wenn du das durchgegangen bist, ist der Blick zur anderen Methode überhaupt der Fehlschluss, über den wir hier reden. Vorher ist er einfach nur der falsche Ort zum Suchen.

Training ist anspruchsvoll. Und Training hat Grenzen, wenn die Bedingungen drumherum nicht stimmen.

 

Das geht übrigens auch andersherum

Das geht übrigens auch andersherum. Damit hier kein einseitiges Bild entsteht: Wer aversiv arbeitet und dabei schlecht timt, zu hart dosiert oder uneinheitlich bleibt, erlebt genauso Frust. Und dann kann das positive Training als der Weg erscheinen, der diese Probleme angeblich nicht hat. Auch da steht eine gelebte, fehlerbehaftete Praxis gegen eine Vorstellung, die noch nie geprüft wurde. Und auch da wandern die eigenen Schwächen mit.
Denn folgenlos ist auch der positive Weg nicht, wenn er schlecht aufgebaut ist. Wer unsauber verstärkt, baut ziemlich zuverlässig hohe Erregung auf. Es entstehen Verhaltensketten, die man so nie wollte. Es entsteht eine Erwartungshaltung, die den Hund im Zweifel noch fordernder macht als vorher. Und dazu kommt etwas, worüber kaum jemand spricht: Ein Hund, der ein Jahr länger als nötig an der Schleppleine läuft, weil das Training nicht gut aufgebaut war, zahlt das mit Lebenszeit.
Der Denkfehler ist also auf beiden Seiten derselbe, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Sich für einen Weg zu entscheiden, ist deshalb erst der Anfang. Ob der funktioniert, entscheidet sich daran, wie sauber er aufgebaut ist.

 

Der Punkt, an dem es wirklich unangenehm wird

Und jetzt kommen wir zu dem, was diesem Denkfehler beim Jagdverhalten seine eigentliche Kraft gibt. Wenn du mit einem jagdlich motivierten Hund ohne Jagdschein lebst, trägst du eine Spannung, die sich nie auflöst. Dein Hund hat echte Bedürfnisse, die aus seiner Genetik kommen. Die Umwelt hat echte Ansprüche, die aus der Natur kommen. Beides ist nun mal so, und es gibt keine Position, von der aus du beides vollständig bedienen kannst. Also managst du. Du wählst Gebiete, du planst Zeiten, du entscheidest über Leine und Freiraum. Du trägst eine riesige Verantwortung. Jeden Tag neu.
Das kostet Kraft. Und irgendwann kommt die Frage: Ist das eigentlich fair? Darf ich einen Hund dauerhaft in dem einschränken, was er am stärksten will?
An dieser Stelle bekommt der Gedanke an die andere Methode eine zweite Bedeutung. Er verspricht dann nicht mehr nur, dass das Verhalten aufhört. Er verspricht, dass dein Hund am Ende mehr Freiheit hätte. Mehr Freilauf, mehr von dem, was er braucht, als das Management ihm je erlauben wird.
Damit idealisierst du zweimal. Einmal die Wirkung. Und einmal die Vorstellung, dass diese Wirkung dein ethisches Problem löst.
Aus meiner Sicht ist das idealisiert und funktioniert so nicht. Was aversives Arbeiten über Starkzwang in aller Regel erzeugt, ist unterdrücktes Verhalten unter bestimmten Bedingungen. Der Hund lernt, dass eine Situation unangenehme Folgen haben kann. Was er nicht lernt, ist ein anderer Umgang mit seiner Motivation, denn die bleibt. Sie darf sich nur nicht mehr zeigen. Und einem Hund, der Verhalten unterdrückt, statt es regulieren zu können, würde ich nicht mehr Freiraum geben, wenn er auch sonst keine jagdlichen Möglichkeiten hat.  Ich hätte dann nämlich keine Information mehr darüber, was gerade wirklich in ihm los ist. Und wenn wir von einem hochspezialisierten Jagdhund  aus dem Tierschutz reden, stellt sich ja dann auch die ethische Frage.
Das ist meine Einschätzung, und ich weiß, dass darüber viel tiefer diskutiert werden kann, das will ich an anderer Stelle gerne machen, Aber ich finde, die Frage muss gestellt werden.


Zwei Fragen, die nicht dieselbe Frage sind

Und selbst wenn eine Methode im Einzelfall wirksamer wäre, wäre damit nur eine Frage beantwortet.
Ob etwas funktioniert und ob etwas vertretbar ist, sind zwei verschiedene Dinge. Der Denkfehler verführt dazu, das zusammenzuziehen. Aus „es würde funktionieren“ wird dann „also ist es richtig“. Und diese Verschiebung fühlt sich wie eine Entscheidung an, obwohl sie eine Entscheidung überspringt.
Wenn du für dich klärst, was zu dir passt, brauchst du beide Antworten. Was leistet das bei diesem Hund, in dieser Umgebung, mit meinen Fähigkeiten und meiner Zeit? Und was verlangt es von meinem Hund, und will ich das?
Bei dem Gedanken, mit dem dieser Artikel angefangen hat, ist die zweite Frage sogar längst beantwortet. Das Stromhalsband ist in Deutschland über das Tierschutzgesetz verboten, höchstrichterlich bestätigt seit 2006. In Österreich gilt das Verbot seit 2005, in der Schweiz seit 2008. Du vergleichst deinen Weg dann also mit einer Tür, die ohnehin zu ist.
Und dann kommt meistens gleich der nächste Gedanke. Gut, das ist raus. Aber vielleicht ja irgendwas anderes? Ein deutlicher Leinenruck, ein Abbruchsignal, das wirklich sitzt…
Das ist dieselbe Überlegung, sie sucht sich nur ein Mittel, das nicht verboten ist. Und damit stehst du wieder genau da, wo wir angefangen haben. Auch das kennst du ja nur aus der Vorstellung. Erlaubt heißt nicht, dass es wirkt, die Feinheiten der Methode sind noch nicht gegengecheckt Und es heißt schon gar nicht, dass es zu dir passt.

 

Wenn es keine gute Antwort gibt

Manchmal ist die ehrliche Antwort, dass die Bedingungen für diesen Hund einfach nicht ideal passen. Eine Bracke im wildreichen Mittelgebirge, ohne jede Möglichkeit für sicheren Freilauf. Ein Setter immer an der Schleppleine in einer Gegend, in der es nur offene Flächen gibt, auf denen er nie arbeiten darf.
Das ist eine fiese Situation, weil sie sich nicht so leicht auflösen lässt. Man kann sie mit kluger Gestaltung der Draußenzeit verbessern, man kann viel Frust rausnehmen. Aber die Passion und den Drive ganz wegtrainieren kann man nicht.
Und genau diesen Zustand macht der Denkfehler erträglicher. Wer daran glaubt, dass es irgendwo eine Methode gibt, die das Problem grundsätzlich löst, muss sich mit dieser Grenze nicht auseinandersetzen. Insofern ist der Nirwana-Fehlschluss hier mehr als ein schiefer Vergleich. Er ist auch ein Ausweichmanöver.
Wir gestalten für unsere Hunde die Umwelt, die Zeit, die Bewegungsmöglichkeiten, die Sicherheit. Diese Asymmetrie ist real, und sie bedeutet für mich Verantwortung. Wenn eine Situation an ihre Grenzen stößt, entsteht Ohnmacht. Und Ohnmacht ist schwer auszuhalten. Die vorgestellte Lösung bietet dann auch an, die Kontrolle zurückzuholen.
Deshalb finde ich es lohnend, sich in so einem Moment zu fragen, woher die Attraktivität einer Methode gerade eigentlich kommt. Aus dem, was sie bei meinem Hund bewirken würde? Oder aus dem, was sie mit meinem eigenen Ohnmachtsgefühl macht?

 

Was du stattdessen machen kannst

Der Ausweg ist unspektakulär, und er ist derselbe, den Demsetz damals beschrieben hat. Vergleiche nur realistisch.
Wenn du also überlegst zu wechseln, dann stell nicht das Idealbild neben deine Erfahrung, sondern die realistische Version. Was leistet das bei einem Hund mit dieser Genetik, in dieser Umgebung, bei einem Menschen, der dieselben Timingschwächen hat wie ich? Welche Kosten hat das, die ich noch nie erlebt habe, weil ich es noch nie gemacht habe? Was für Folgen hat das? Und wie sieht der durchschnittliche Verlauf aus, nicht die Erfolgsgeschichte?
Dazu die Fragen, die vorher kommen. Hakt es gerade an der Methode, an meiner Ausführung, an den Bedingungen, unter denen mein Hund lebt, oder an einer Erwartung, die zeitlich nie realistisch war?
Und die letzte, die ich für die wichtigste halte: Bin ich gerade in einem Zustand, in dem ich das überhaupt beurteilen kann? Wenn ich mir das in vier Wochen nochmal anschaue, an einem Tag, an dem es gut lief, sieht es dann immer noch genauso aus?

Diese Fragen sagen dir nicht, was richtig ist. Aber sie zeigen dir, wann du gerade gar nicht vergleichst.

Und das ist für mich der eigentliche Wert daran, diesen Denkfehler zu kennen. Er nimmt dir keine Entscheidung ab. Er sorgt nur dafür, dass du sie mit einem Kopf triffst, der denken kann.