Frust

Frust aushalten

Warum „Frust aushalten“ selten das bringt, was Menschen sich wünschen

Seit Jahren kursieren diese Aussagen: Hunde müssten mehr Frust aushalten, müssten „da durchgehen“. Das Leben sei kein Ponyhof, auch für Hunde nicht. Und wer seinem Hund regelmäßig kleine Enttäuschungen zumutet, der bekomme später einen gelassenen Begleiter.

Das klingt nachem pädagogischen Plan mit einem Hauch moderner Psychologie. Und für Menschen, die mit einem lebhaften, schnell überdrehten oder jagdlich motivierten Hund zusammenleben, klingt es erstmal wie ein echter Plan.

Nur greift es zu kurz. Es hakt auf verhaltensbiologischer und neuropsychologischer Ebene, und zwar auf mehreren.

 

Was Frustration im Gehirn eigentlich ist

Frustration und Stress werden oft in einen Topf geworfen, sind aber neurobiologisch nicht dasselbe. Frustration entsteht spezifisch dann, wenn ein erwartetes Ergebnis ausbleibt. Wenn der Hund auf eine Belohnung oder ein Erlebnis vorbereitet ist, es aber nicht bekommt. Das aktiviert eigene Schaltkreise, löst Erregung aus und kann je nach Kontext zu Aggression, Apathie oder erhöhter Impulsivität führen.

Frustration ist dabei nicht per se problematisch. Unter günstigen Bedingungen, bei einem regulierten Tier mit vorhandenen Handlungsoptionen, kann sie sogar funktional sein: Sie erhöht zunächst die Erregung und danach die Verhaltensvariabilität, was neue Lösungswege erst möglich macht. Das Problem entsteht nicht durch Frustration an sich, sondern wenn sie auf ein System trifft, das bereits überlastet ist und keine echten Alternativen zur Verfügung hat.

Stress beschreibt die physiologische Reaktion auf Belastung, und hier ist entscheidend, wie viel. Moderater Arousal ist tatsächlich notwendig für Lernen, das weiß man spätestens seit der Yerkes-Dodson-Kurve. Das Problem entsteht nicht mit Stress an sich, sondern mit chronischem oder überschwelligem Stress, also genau dann, wenn ein Tier dauerhaft oder in einem Ausmaß belastet ist, das seine Regulationskapazität übersteigt.

 

Frustrationstoleranz ist nicht monokausal

Hier liegt ein grundlegendes Problem mit dem gesamten Ansatz: Frustrationstoleranz wird im Hundetraining häufig behandelt, als wäre sie eine isolierte Eigenschaft, die man direkt trainieren kann. Das ist sie nicht, zumindest nicht so einfach.

Frustrationstoleranz ist kein festes Persönlichkeitsmerkmal, sondern das sichtbare Ergebnis eines Organismus, dessen biologische Voraussetzungen, Regulationssysteme, Lerngeschichte und Lebensbedingungen so zusammenwirken, dass unter Zielblockierung noch Anpassung möglich bleibt. Sie lässt sich aufbauen, aber eben indirekt, durch die richtigen Voraussetzungen, nicht durch direkte Exposition allein.

Was wir im Training häufig als mangelnde Frustrationstoleranz interpretieren, ist deshalb oft Ausdruck einer unzureichenden Passung zwischen biologischer Ausstattung, gesundheitlichem Zustand, Motivationssystemen und Lebensbedingungen.

Wer Frustrationstoleranz trainieren möchte, ohne vorher zu prüfen, ob der Hund körperlich belastbar ist, ob chronischer Stress vorliegt, ob Schmerzen oder Erkrankungen bestehen, ob der Alltag zu seinen Motivationssystemen passt, ob Bedürfnisse dauerhaft blockiert werden, ob er genug Schlaf und Erholung bekommt, ob die Umwelt Übererregung erzeugt und ob ihm funktionale Handlungsalternativen zur Verfügung stehen, der trainiert möglicherweise gar keine Frustrationstoleranz. Der versucht, die Symptome eines überlasteten Systems zu unterdrücken.

 

Jagdhunde in Nicht-Jägerhand: ein besonderer Kontext

Beim Jagdhund in Nicht-Jägerhand ist das besonders relevant und gleichzeitig besonders komplex.

Jagdhunde besitzen nicht grundsätzlich weniger Frustrationstoleranz, aber sie leben häufig in einem Alltag, in dem ihre genetisch selektierten Motivationssysteme immer wieder begrenzt werden müssen. Damit sage ich nicht, dass es an den Menschen liegt, die mit diesen Hunden leben. Es ist eine strukturelle Realität: Die Bedürfnisse dieser Hunde lassen sich mit vielen modernen Lebensbedingungen nur schwer vereinbaren. Gerade bei hochspezialisierten Jagdhunden aus dem Auslandstierschutz.

Das Nervensystem dieser Hunde ist deshalb oft schon durch den Alltag belastet, bevor irgendwer anfängt, über Frustrationstoleranz nachzudenken. Der Hund ist reaktiv, schnell überwältigt. Und wenn man in diesem Zustand beginnt, Frust zu „trainieren“, trifft man auf ein System, das eh am Limit ist.

Dazu kommt ein neurobiologischer Aspekt, der im Training fast nie berücksichtigt wird: Viele dieser Hunde befinden sich draußen bereits im aktiven Seeking-Modus, einem Zustand hochaktivierter appetitiver Motivation, der neurobiologisch mit dem von Panksepp beschriebenen SEEKING-System assoziiert ist. Dieses System treibt zielgerichtetes Erkundungs- und Jagdverhalten an und ist bei selektiv gezüchteten Jagdhunden besonders sensibel gegenüber Umweltreizen. Manchmal reicht es, die Haustür zu öffnen.

In diesem Zustand ist der präfrontale Kortex, zuständig für Impulskontrolle, Flexibilität und Verhaltensregulation, funktional mehr oder weniger eingeschränkt. Das limbische System dominiert. Genau dann Frustration hinzuzufügen, also ein Ziel zu blockieren, führt eher nicht dazu, dass sich Frustrationstoleranz aufbaut. Es führt zu weiterer Erregungssteigerung. Ein Mechanismus, der in der Frustrations-Aggressions-Forschung gut belegt ist: Geblockte Zielgerichtetheit unter hoher Erregung erhöht die Erregung weiter, anstatt sie zu regulieren.

Frustrationstoleranz setzt voraus, dass das Regulationssystem im Moment verfügbar ist und Handlungsoptionen bereitstehen. Bei einem Hund im Seeking-Zustand ist das nicht der Fall. Der Frust landet in einem System, das neurobiologisch gar nicht in der Lage ist, ihn adaptiv zu verarbeiten. Das Ergebnis ist Sensitivierung, nicht Habituation.

Genau das ist der Grund, warum gerade bei Jagdhunden in Nicht-Jägerhand besonders genau hingeschaut werden muss, bevor man überhaupt darüber nachdenkt, den Hund aktiv Frust auszusetzen.

Habituation funktioniert, aber nicht so ...

Gewöhnung durch Exposition ist ein echter, gut belegter Lernprozess. Systematische Desensibilisierung funktioniert. Das Problem mit den kursierenden „Frust aushalten“-Ansätzen ist nicht das Prinzip, sondern, gerade bei jagdlich passionierten Hunden, die fehlenden Voraussetzungen.

Damit Exposition zu Habituation führt, muss die Intensität gering bleiben, und der Hund muss über Bewältigungsstrategien verfügen, die er im Moment tatsächlich nutzen kann. Beides fehlt bei vielen Hunden.

Ein Hund, der in eine zu schwierige Situation geschickt wird, ohne dass verlässliche Alternativen aufgebaut wurden, habituiert nicht. Er sensitiviert, die Reaktion wird stärker, nicht schwächer. Genau diese Situationen passend einzuschätzen ist eine große Herausforderung, wenn es sich um hoch spezialisierte Jagdhunde handelt.

Warum Alternativen nicht einfach „da" sind

 

Damit ein Hund in einer aufregenden Situation auf ein alternatives Verhalten zurückgreifen kann, muss es unter ähnlichen Bedingungen so oft und variationsreich geübt worden sein, dass es im entscheidenden Moment abrufbar ist.

Wie breit dieses Verhaltensrepertoire ist, hängt von mehreren Faktoren ab, und das wird im Training kaum je thematisiert. Manche Hunde bringen von Haus aus ein breites Spektrum mit: Sie zeigen viele verschiedene Verhaltensweisen, haben viele Interessen, und diese Verhaltensweisen haben sich für sie gelohnt. Andere haben ein breites Repertoire durch gute frühe Sozialisation entwickelt, wobei Sozialisation hier mehr bedeutet als bloße Reizgewöhnung. Entscheidend ist, ob ein Welpe in der sensiblen Phase erleben durfte, dass sein Verhalten Wirkung hat und sich lohnt. Genau das baut Verhaltensflexibilität auf.

Aber viele Hunde wurden früh und häufig unterbrochen, ihr Verhaltensrahmen wurde durch Prävention, Management oder Training schnell eingeschränkt. Sie haben schlicht weniger ausprobieren dürfen, und ihr Repertoire ist entsprechend schmal.

Und dann gibt es die jagdlich hochspezialisierten Hunde, bei denen das Problem eine ganz andere Dimension hat. Diese Hunde wurden über Generationen selektiert, um genau ein Motivationssystem dominant zu setzen: Jagen. Kein breites Verhaltensrepertoire war erwünscht, im Gegenteil. Wer von diesen Hunden erwartet, im Moment höchster Erregung auf alternative Verhaltensweisen zurückzugreifen, verlangt etwas, für das sie genetisch nicht ausgestattet wurden und das im Alltag oft auch nie aufgebaut wurde.

Ein Verhalten, das im Wohnzimmer funktioniert hat, ist draußen neurobiologisch oft ein anderes, nicht ausreichend generalisiert, nicht attraktiv genug, nicht verlässlich verankert. Wenn wir dann „Aushalten“ verlangen, verlangen wir etwas, das der Hund nicht leisten kann. Sein Gehirn hat in dem Moment schlicht keine echten Optionen.

 

 

Warum viele Hunde Frust schlecht regulieren, und das nichts mit dem verwöhnten Fiffi zu tun hat

 

Hunde brauchen Erfahrungen, in denen ihr Verhalten eine verlässliche Wirkung hat, in denen sie selbst etwas lösen, erkunden, entscheiden dürfen. Tiere, die gelernt haben, dass ihr Verhalten die Umwelt beeinflusst, reagieren auf Hindernisse anders als Tiere, die vorwiegend gesteuert wurden.

Viele Hunde erleben im Alltag vor allem Unterbrechung und Anleitung. Selbst in gut gemeintem Training entscheidet meist der Mensch. Das formt Verhalten, aber es baut keine Flexibilität auf. Hunde, die immer nur angeleitet oder gehemmt werden haben selten die Gelegenheit ihr Erregungsniveau eigenständig zu regulieren.

 

Was vor jedem Frustrationsansatz stehen muss

 

Bevor wir Frustrationstoleranz konzeptionell aufbauen, braucht es eine Bestandsaufnahme: Passt der Alltag dieses Hundes zu dem, was sein Nervensystem braucht? Ist das System überhaupt in einem Zustand, in dem Lernen möglich ist?

Erst dann macht es Sinn, über dosierte Exposition nachzudenken. Und dann braucht es Erfahrungen, in denen das Verhalten des Hundes eine Wirkung hat, Alternativverhalten entweder selbst gewähltes oder trainiertes, das so gut verankert ist, dass es auch unter Erregung abrufbar ist, und Aufgaben, die zu den Motivationssystemen des Hundes passen.

Gelassenheit entsteht durch Bewältigen, durch wiederholte Erfahrungen, in denen eine Situation navigiert wurde und gut ausgegangen ist. Erst wenn ein Hund weiß, was er tun kann, und die Erfahrung hat, dass es funktioniert, kann er auch mal etwas aushalten.

Das ist der Unterschied zwischen gut gemeintem und gut gemachtem Training.

 

Ines Scheuer-Dinger

Ich beschäftige mich seit über fünfzehn Jahren mit jagdlich motivierten Hunden und mit der Frage, was es wirklich bedeutet, mit einem solchen Hund im Alltag zu leben.

Mein Hintergrund ist bewusst breit: gewaltfreies Hundetraining, Pädagogik und Soziologie und Psychologie mit Schwerpunkt Neurobiologie und Motivation und über zehn Jahre als Jagdscheininhaberin (aber bewusst nicht mehr jagdlich unterwegs) .

Wie du das in die Praxis umsetzen kannst?

Im Projekt Freilauf lernst du

  • Deinen Hund und seine besonderen Fähigkeiten besser zu verstehen und dich nicht mehr über das Jagdverhalten zu ärgern.
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