Frust

Warum Frust Lernen nicht erleichtert, sondern Lernen unmöglich macht

Warum „Frust aushalten“ selten das bringt, was Menschen sich wünschen

Es gibt diese Aussagen, die seit Jahren kursieren:

Hunde müssten mehr Frust aushalten.

Hunde müssten „lernen, da durchzugehen“.

„Das Leben ist kein Ponyhof“ – auch für Hunde nicht.

Und nur wer seinem Hund regelmäßig kleine Enttäuschungen zumutet, würde später einen gelassenen Begleiter haben.

Diese Idee wirkt auf viele Menschen plausibel.

Sie klingt nach pädagogischer Härte mit einem Hauch moderner Psychologie.

Und viele, die mit einem sehr lebhaften, schnell überdrehten oder jagdlich motivierten Hund leben, fühlen sich davon angesprochen, weil es endlich wie ein Plan klingt.

Nur hat das Ganze einen kleinen Haken:

Es stimmt nicht so ganz. Es hakt auf verhaltensbiologischer und neuropsychologischer Ebene. 

Frust ist kein Muskel. Frust ist ein Stresszustand.

Und Stress baut nichts auf.

Stress verkleinert Handlungsspielräume.

Viele dieser Ansätze tun so, als wäre Frust eine Art Prüfstein –

etwas, das der Hund durchstehen muss, um „stärker“ zu werden.

Aber der Hund kann nur dann irgendeine Art von Frust „aushalten“, wenn sein Gehirn bereits stabilere Alternativen kennt. 

Alternativen, die relevant sind.

Alternativen, die dopaminerg genug sind, um im Moment echte Wahlmöglichkeiten zu bieten.

Alternativen, die so kleinschrittig geübt wurden, dass sie im Kontext verlässlich sind.

Und genau das fehlt in den allermeisten Fällen.

Ein Verhalten, das im Wohnzimmer mal funktioniert hat,

hat draußen oft keinerlei Bedeutung für das Hundehirn.

Es ist nicht ausreichend verstärkt, nicht breit geübt. Es ist nicht verlässlich und nicht attraktiv genug.

Und es wurde nicht häufig genug in echte Alltagssituationen übersetzt, um tragfähig zu sein.

Wenn wir dann „Aushalten“ verlangen,

verlangen wir etwas, das der Hund neurobiologisch nicht leisten kann.

Er hat schlicht keine Optionen, die er nutzen könnte.

Warum viele Hunde Frust schlecht ertragen – und es nichts damit zu tun hat, „dass sie nie Frust erleben“

Dieser Punkt wird nahezu nie angesprochen:

Viele Hunde „können“ Frust nicht gut aushalten,

weil sie nie gelernt haben, sich selbstwirksam zu erleben.

Sie sind nicht „verzogen“ wie oft behauptet.

Ihnen fehlt in ihrem Alltag oft ein eigenes Verhaltensrepertoire.

Viele Hunde dürfen kaum eigene Erfahrungen machen. Ihnen wird viel abgenommen, viel erklärt, viel verhindert.

Sie werden in Training eingepackt, positiv oder aversiv und erleben kaum Situationen, in denen sie selbst etwas lösen dürfen.

Der Fokus liegt auf Übungen, auf Management, auf Anleitung.

Und genau dadurch entstehen Hunde, die sich nicht gut im Alltag regulieren können 

weil ihnen echte Bewältigungserlebnisse fehlen.

Es ist paradox:

Je mehr wir trainieren,

desto weniger können manche Hunde draußen überhaupt noch etwas mit sich anfangen.

Weil Training zwar Verhalten formt,

aber Selbstwirksamkeit entsteht nur durch Erleben.

Gerade bei Spezialisten –

Hunden mit stark selektierten Motivsystemen, 

also Jagd-, und Hütehunden

entsteht schnell ein Mangel an Bedürfnisbefriedigung, weil man so sehr damit beschäftigt ist alles richtig zu machen und trotzdem am Bedürfnissen vorbeischlittert.

Und genau dieser Mangel macht Frust noch explosiver.

Warum viele Hunde im Alltag scheitern – lange bevor irgendwer „Frust aushalten“ übt

Viele Hunde bewegen sich durch einen Alltag,

in dem sie ständig unterbrochen werden.

„Lass das.“ „weiter“, „raus da…“

Ein permanentes Navigieren in einem sehr engen Korridor.

Und selbst in gut gemeintem, positivem Training erleben sie oft vor allem eines:

Der Mensch bestimmt, lenkt und entscheidet.

Und der Hund wird trainiert, statt dass er seine eigenen Erfahrungen machen darf.

Hunde eskalieren dann bei der kleinsten Belastung. Sie hatten nie Gelegenheit,

ihr Nervensystem eigenständig zu stabilisieren.

Nicht, weil sie es „nicht können“. Sondern weil sie nie durften.

Wenn dann auch noch bewusst Frust hinzugefügt wird – in Situationen, die der Hund nicht bewältigen kann,

mit Alternativen, die nicht verlässlich gelernt wurden,

mit Aufgaben, die fürs Hundegehirn nicht relevant genug sind 

dann ist das kein Training.

Das ist ein emotionaler Crash.

Unfair und nicht durchdacht! 

Warum Jagdhunde besonders auffallen – aber nicht die einzigen sind

Gerade Jagdlich motivierte Hunde zeigen die Probleme schneller.

Weil ihr System schnell anspringt, hoch dopaminerg arbeitet

und Alternativen in genau diesem Zustand extrem begrenzt sind. Nur Jagen im Kopf haben, genau das wurde selektiert. 

Aber das Prinzip gilt für alle Hunde,

die wenig Selbstwirksamkeit erleben,

wenig echte Bedürfnisbefriedigung,

wenig freie Exploration,

viel Training

und viel Unterbrechung.

Frust ist da nicht das Problem.

Die fehlenden Optionen sind das Problem.

Was Hunde wirklich brauchen – bevor irgendwer über Frust spricht

Sie brauchen Raum zu lernen dass Verhalten eine Wirkung hat.

Sie brauchen explorative Erfahrungen,

in denen sie selbst Entscheidungen treffen können.

Sie brauchen Alternativverhalten,

das so kleinschrittig aufgebaut und so gut verstärkt wurde,

dass ihr Gehirn es im Alltag wirklich nutzen kann.

Und sie brauchen Aufgaben,

die zu ihren Motivationssystemen passen,

statt gegen sie zu kämpfen.

Gelassenheit entsteht nicht durch Aushalten.

Gelassenheit entsteht durch Bewältigen.

Durch Erleben.

Durch Erfolg.

Durch echte Alternativen,

die im Gehirn ankommen, statt eben vorgegeben zu werden.

Erst wenn ein Hund weiß, was er tun kann,

was sich für ihn lohnt und was sich in seinem Nervensystem gut anfühlt, erst dann kann er auch mal etwas aushalten.

Alles andere ist unfair.

Und führt genau dorthin,

wo niemand hinmöchte.

und macht eben den Unterschied zu gut gemeinten und gut gemachten Training

Ines Scheuer-Dinger

Ich beschäftige mich seit über fünfzehn Jahren mit jagdlich motivierten Hunden und mit der Frage, was es wirklich bedeutet, mit einem solchen Hund im Alltag zu leben.

Mein Hintergrund ist bewusst breit: gewaltfreies Hundetraining, Pädagogik und Soziologie und Psychologie mit Schwerpunkt Neurobiologie und Motivation und über zehn Jahre als Jagdscheininhaberin (aber bewusst nicht mehr jagdlich unterwegs) .

Wie du das in die Praxis umsetzen kannst?

Im Projekt Freilauf lernst du

  • Deinen Hund und seine besonderen Fähigkeiten besser zu verstehen und dich nicht mehr über das Jagdverhalten zu ärgern.
  • Wie du die Jagdleidenschaft deines Hundes aufgreifst, um passend und bedürfnisorientiert zu belohnen.
  • Wie du deinen Hund dazu bringst, dass er dir Wild und Wildgeruch anzeigt und nicht mehr plötzlich allein verschwindet.
  • Wie und wie viel du deinen Hund beschäftigen solltest.
  • Wie du mehr Aufmerksamkeit und Ansprechbarkeit von deinem Hund bekommst – auch in jagdlich spannenden Gebieten.
  • Optionaler Bonus: „Der sichere Rückruf für Jagdnasen“
    Wie du unerwünschtes Jagdverhalten freundlich, fair und zuverlässig unterbrichst und einen sicheren Rückruf mit der Pfeife aufbaust.